Herr Töpper, Juristen wird vorgeworfen, sich einem Laien nicht verständlich machen zu können. Eignet man sich nach der juristischen Ausbildung überhaupt noch für das Fernsehen?
An dem Vorwurf ist was dran, Juristen sprechen sehr verklausuliert. Das ist aber auch eine Chance! Denn man kann als "Dolmetscher" das Recht für das breite Publikum übersetzen. Mit der Juristensprache selbst kommt man im Fernsehen nicht an.
Welche Vorteile bietet das Jura-Studium für eine journalistische Arbeit?
Man lernt durch das Jura-Studium, systematisch und logisch zu denken. Man kann systematisch an eine Frage herangehen und sie als Fall aufbauen. Das sind große Vorteile für die journalistische Arbeit. Und man kann sich sehr schnell in ein unbekanntes Gebiet einarbeiten.
Welchen Nutzen hat für diese Arbeit der große Examenswissensberg?
Viele Randgebiete, mit denen man sich im Studium befaßt hat, tauchen in der Praxis beim Fernsehen nicht mehr auf: beispielsweise Gesellschaftsrecht oder Wettbewerbsrecht. Denn das oberste Kriterium für unsere juristische Berichterstattung ist das Interesse eines Millionenpublikums. Es gibt sicher hochinteressante Kartellrechtsverfahren, aber die kommen in den Fernsehnachrichten kaum vor.
Welche Schwierigkeiten stellen sich für Juristen beim Fernsehen?
Eine Schwierigkeit ist natürlich die Sprache. Man muß einen komplizierten juristischen Sachverhalt in 90 Sekunden einfach und verständlich erläutern können.
Außerdem muß man lernen, mit Bildern zu arbeiten. Die Kollegen von den Zeitungen haben es da leichter, sie schreiben nur ihren Text. Das Fernsehen braucht immer ein Bild. Dazu muß man recherchieren, im Archiv nach vorhandenem Material suchen oder bei Agenturen nachfragen.
In welchen Bereichen oder Redaktionen kann man als Jurist arbeiten?
Die Besonderheit hier beim ZDF ist die Redaktion "Recht und Justiz". Das war damals, 1970, ein Novum im deutschen Fernsehen. Unsere Aufgabe ist die aktuelle Rechts- und Gerichtsberichterstattung für die Sendungen des ZDF, also "heute", "heute journal", "Länderspiegel" usw. Inzwischen ist natürlich das Interesse an Rechtsfragen so gewachsen, daß wir mit dieser kleinen Redaktion gar nicht alle juristischen Themen wahrnehmen können. Bestimmte Sendungen werden daher durch Beiträge der Landesstudios abgedeckt. Wir konzentrieren uns auf die juristisch komplizierteren und die überregionalen Fälle.
Es rufen auch Kollegen der anderen Redaktionen an und fragen nach, ob bestimmte Formulierungen richtig sind. Denn leider geht auch bei den renomierten Nachrichtenagenturen manchmal etwas durcheinander. Da heißt es dann etwa statt Berufung Revision, oder es erläßt ein Staatsanwalt einen Haftbefehl...
Wie verläuft der Arbeitsalltag in einer Rechtsredaktion?
Das richtet sich nach den aktuellen Geschehnissen. Es gibt Zeiten, in denen jeden Tag ein großer Prozeß läuft und wir unter Hochdruck arbeiten. Dann gibt es aber auch Phasen, in denen wir Entwicklungen aufarbeiten können, um juristisch auf dem laufenden zu bleiben.
Neben dem aktuellen Geschäft haben wir ja auch noch unser Flagschiff, die Rechtsserie "Wie würden Sie entscheiden?". Daneben sind wir für "Recht brisant" verantwortlich, was einmal im Monat auf 3sat läuft.
Natürlich kommen auch eilige Anfragen, wenn ein Thema plötzlich hochkommt. Dann müssen wir uns recht schnell sachkundig machen - was Juristen ja gelernt haben.
Die Medienbranche expandiert, und Rechtsratgeber werden vom Publikum auch angenommen. Der Arbeitsmarkt für juristisch ausgebildete Fach-Journalisten wächst daher?
Der Markt hat sich geöffnet. Die Fernsehanstalten haben erkannt, wie wichtig gerade solche Fachredaktionen sind. Unsere Redaktion war die erste, dann kam 1984 beim heutigen SWR eine Redaktion "Recht und Justiz" hinzu. Der SWR hat auch eine spezielle Hörfunk-Redaktion, die seit vielen Jahren die sehr anerkannte Sendung "Aus der Residenz des Rechts" macht. Beim WDR gibt es den "Ratgeber Recht", der NDR hat auch eine eigene Fachredaktion. Aber es gibt auch in anderen Redaktionen, etwa der "heute"-Redaktion, Mitarbeiter mit einem Jura-Studium.
Der Markt ist also breiter geworden, wenngleich man die juristischen Mitarbeiter an wenigen Händen abzählen kann.
Richten auch die privaten Fernseh-Sender juristische Fachredaktionen ein?
Nicht, daß ich wüßte. Man sieht die Kollegen von den privaten Sendern zwar auch in Karlsruhe beim Bundesverfassungsgericht, aber dann sind die am nächsten Tag auf einer Landwirtschaftsausstellung oder berichten über ein Zugunglück. Die müssen dann eben auch über große Prozesse berichten, ohne sich in der Materie auszukennen.
Wie sind die Arbeitsverhältnisse beim Fernsehen gestaltet, gibt es nur fest angestellte Mitarbeiter?
Wir sind in unserer Redaktion vier fest angestellte Volljuristen. Es ist aber sehr schwer, in ein festes Arbeitsverhältnis zu kommen, denn auch die juristischen Redaktionen bleiben nicht von den Stellenkürzungen verschont. Neben den festen Mitarbeitern haben wir etwa acht "feste freie" Mitarbeiter, die von Fall zu Fall auf Projektbasis für uns arbeiten. Manche von denen sind fast täglich in unserer Redaktion, andere kommen zwei, drei Mal im Monat dazu.
Es ist auch nicht so, daß die Gehälter mit denen der großen Kanzleien konkurrieren könnten. Die freien Mitarbeiter werden pro Beitrag bezahlt, aber wer sein Handwerk versteht und kreativ ist im Anbieten von Themen, der kommt auch gut über die Runden.
Wie kommt man zum Fernsehen?
Der normale Weg führt über eine Hospitanz. Unsere Redaktion bietet seit Jahren solche Plätze an, jeweils für zwei Monate. Die Hospitantinnen und Hospitanten fahren dann mit den Redakteuren etwa zum Bundesverfassungsgericht und bekommen das Entstehen eines Berichts mit, von der Recherche über die Dreharbeiten bis zum Schneiden und Vertonen. Und sie bekommen mit, unter welchem enormen Zeitdruck das häufig geschieht. Denn das Einhalten der Zeitvorgabe muß erst mühsam gelernt werden. Man sagt, daß man für einen Text von einer Minute Dauer eine Stunde benötigt.
Durch die Hospitanz kann man sich dann zu freien Mitarbeitern hocharbeiten. Wir merken in dieser Zeit, wer für das Fernsehen begabt ist und komplizierte Sachverhalte verständlich transportieren kann.
Es gibt auch Volontariate, die dann zwei Jahre dauern. Allerdings ist die Anzahl der Plätze sehr begrenzt, der Bedarf an Redakteuren kann aus den Volontariaten nicht gedeckt werden.
Mein Rat ist, vor der Hospitanz in irgendeiner Weise journalistisch tätig zu sein, bei der Lokalzeitung etwa. Dann können der Bewerbung um eine Hospitanz Arbeitsproben beigelegt und so das Interesse zu diesem Metier dokumentiert werden.
Gibt es besondere Schulen oder Studiengänge für den Journalismus?
Ja, zum Beispiel die Hochschulen für Film und Fernsehen in München und in Berlin. Dann gibt es die Henry-Nannen-Schule. So etwas zu absolvieren bringt natürlich einen erheblichen Vorsprung bei den Bewerbungen. Es ist aber immer möglich, auch als Seiteneinsteiger in den Journalismus zu kommen. In jedem Fall sollte man eine abgeschlossene Hochschulausbildung haben. Ob es dann Jura ist oder BWL oder Geschichte, ist zweitrangig.
Bekommt man einen Volontariatsplatz auch ohne journalistische Vorbildung bei der Schülerzeitung und ohne Lokalblatterfahrung?
Das sind dann schon die großen Ausnahmen. Ich nehme zum Beispiel niemanden als Hospitanten für unsere Redaktion, der zwar ein glänzendes Abiturzeugnis und herrvorragende Scheine der BGB-Übungen hat, der aber sonst keinen Bezug hat zum Journalismus.
Wie wichtig sind die Examensnoten?
Wenn jemand über gute journalistische Fähigkeiten verfügt und das auch durch Arbeitsproben dokumentieren kann, wird eine Anstellung sicher nicht an einem "ausreichenden" Examen scheitern. Ein Nachteil ist es aber nicht, wenn man durch die Examensergebnisse seine juristischen Kenntnisse untermauern kann.
Neben den juristischen Fähigkeiten: welche Eigenschaften sollte man mitbringen?
Man muß natürlich neugierig sein. Hinter die Dinge gucken wollen, Lust am Recherchieren haben, hartnäckig sein. Ein bißchen diplomatisches Geschick gehört auch dazu.
Wichtig ist auch, daß man gut sprechen kann. Denn beim Fernsehen sprechen die Autoren ihre Beiträge selbst. Und die müssen in Hochdeutsch und in einer guten Sprechtechnik dargeboten werden. Verfeinert wird die Sprechtechnik dann durch Lehrgänge bei uns im Hause.